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Solarpaneele auf mobilen Videotürmen: die Marketinglüge des deutschen Winters
Im Dezember liefert ein Quadratmeter Modul in München rund eine Kilowattstunde am Tag. Eine ehrliche Stromrechnung, die zeigt, warum reine Solar-Türme nicht funktionieren.

Dr. Raphael Nagel
31. März 2026

Ein mobiler Videoturm, der im deutschen Winter ausschließlich von Solarmodulen gespeist wird, ist eine Werbeaussage, keine Stromrechnung.
Die Mathematik dahinter ist banal und seit Jahrzehnten in den Strahlungsdaten des Deutschen Wetterdienstes nachzulesen. Sie wird im Vertrieb mobiler Überwachungstürme regelmäßig geglättet, weggekürzt oder unter ein Diagramm geschoben, das die Jahressumme zeigt, statt die Dezemberwoche. Wer den Turm im Januar an einer Tiefbaustelle in Hamburg, München oder Leipzig betreibt, lebt nicht mit der Jahressumme. Er lebt mit der Dezemberwoche.
Boswau + Knauer hat sich vor Jahren entschieden, an dieser Stelle keinen Werbetext zu produzieren, sondern eine ehrliche Bilanz. Das Ergebnis dieser Bilanz ist eine Hybridarchitektur: Solarmodule, LiFePO4-Speicher, ein wettergeschütztes Genset als Rückfallebene und eine Lastseite, die in Stufen schaltbar ist. Diese Architektur ist langweiliger als ein Solarprospekt. Sie läuft.
Was ein Quadratmeter Modul im deutschen Dezember liefert
Die langjährigen Werte der globalen Horizontalstrahlung in Deutschland sind belastbar dokumentiert. Im Jahresmittel liegt die eingestrahlte Energie auf einen horizontalen Quadratmeter in den meisten Regionen der Bundesrepublik in einer Größenordnung von rund eintausend Kilowattstunden pro Jahr. Diese Zahl wirkt komfortabel, und sie wird in Vertriebsunterlagen gern als Ausgangspunkt genommen. Sie ist aber das Jahresergebnis. Sie sagt nichts über den einzelnen Monat, in dem ein Videoturm tatsächlich Energie verbraucht.
Im Dezember liefert die Sonne in Süddeutschland an einem typischen Tag etwa zwischen einer halben und einer Kilowattstunde pro Quadratmeter Globalstrahlung. In Norddeutschland sind es eher Werte am unteren Rand dieser Bandbreite, in Einzelfällen darunter. Diese Strahlung trifft auf ein Modul, das im realen Einsatz, also nicht im Datenblatt, einen Systemwirkungsgrad zwischen achtzehn und zweiundzwanzig Prozent erreicht. Hinzu kommen Verluste durch Verschmutzung, Schnee, suboptimalen Anstellwinkel, Verschattung durch Krananlagen oder Containerstapel und durch das Laden in den Batteriespeicher.
Wer diese Verluste ehrlich rechnet, kommt im Dezember in München auf eine nutzbare Energie von ungefähr ein bis zwei Kilowattstunden pro Tag und Quadratmeter Modulfläche, bezogen auf den Gleichstromertrag nach Laderegler. An bedeckten Tagen, die in dieser Jahreszeit die Regel und nicht die Ausnahme sind, sinkt der Wert auf einen Bruchteil davon. Eine Woche mit drei aufeinanderfolgenden Tagen unter dichter Wolkendecke ist im Dezember in Deutschland kein Sonderereignis. Sie ist Standardwetter.
Ein typischer mobiler Videoturm trägt zwischen zwei und sechs Quadratmeter Modulfläche, abhängig von der Bauform. In der oberen Bandbreite kommt ein solcher Turm im Dezember an einem durchschnittlichen Tag in Süddeutschland auf eine nutzbare Energieausbeute, die sich im einstelligen Kilowattstundenbereich bewegt. An schlechten Tagen liegt sie deutlich darunter. An guten Wintertagen, mit klarer Hochdrucklage und tiefstehender Sonne, kann sie diesen Bereich überschreiten, allerdings nur über wenige Stunden. Der Rest der Vierundzwanzig-Stunden-Bilanz wird aus dem Speicher gespeist.
Diese Größenordnungen sind nicht strittig. Sie sind in den Strahlungsdatensätzen des DWD und in den Berechnungen, die etwa nach dem Verfahren der europäischen PVGIS-Datenbank durchgeführt werden, nachvollziehbar. Strittig ist nur die Frage, ob ein Anbieter sie offenlegt oder hinter einer Jahressumme versteckt.
Was ein Videoturm im Winter tatsächlich verbraucht
Auf der Gegenseite der Bilanz steht der Verbrauch. Er wird in Datenblättern oft als Tagesmittelwert angegeben, gerechnet unter Bedingungen, die einer Sommerbaustelle entsprechen. Im Winterbetrieb sieht die Lastseite anders aus.
Ein moderner Videoturm mit vier bis sechs Kameras, KI-basierter Analyse auf einem Edge-Gerät, LTE- oder 5G-Mobilfunkrouter, Infrarotscheinwerfern und Heizung der Kameragehäuse zieht in der Dauerlast eine Leistung, die typischerweise zwischen fünfzig und einhundertfünfzig Watt liegt. Über einen Tag gerechnet sind das zwischen rund einer und etwa drei bis vier Kilowattstunden bei reiner Kamera- und Analyseleistung.
Die Heizung der Kameragehäuse, die Heizung des Batteriegehäuses, das viele LiFePO4-Speicher unter null Grad Celsius nicht laden lässt, und die Trocknung des Schaltschranks bei hoher Luftfeuchtigkeit kommen hinzu. Diese Lasten sind nicht konstant, sie sind aber im Winter erheblich. Eine Frostperiode mit Temperaturen um minus fünf bis minus zehn Grad Celsius über mehrere Tage verdoppelt den Verbrauch eines Turms gegenüber dem Sommerwert in einer Weise, die jeder Betreiber kennt, der seine Anlagen ehrlich misst.
Hinzu kommt die KI-Analyse. Ein Edge-Gerät, das in Echtzeit Personen-, Fahrzeug- und Werkzeugerkennung leistet, verbraucht im Lastfall deutlich mehr Strom als ein passiver Aufzeichnungsknoten. Wer eine Anlage mit echter Vorfeldanalyse betreibt, kalkuliert die KI-Last nicht als Sondereffekt, sondern als Grundlast. Diese Grundlast ist der Preis der Wirksamkeit. Sie ist messbar und sie ist nicht wegzudiskutieren.
In der Summe steht ein Tagesverbrauch, der im Winter realistisch zwischen drei und sechs Kilowattstunden pro Turm liegt, in Spitzenwochen mit Heizbedarf und intensiver Detektionsarbeit auch darüber. Dieser Wert ist mit dem oben skizzierten Solarertrag im Dezember zu vergleichen. Die Differenz ist die ehrliche Lücke, die jede Architektur schließen muss.
Warum die reine Solar-Konfiguration scheitert
Wer beide Bilanzen nebeneinanderlegt, sieht den Punkt. Ein Turm mit vier bis sechs Quadratmetern Modulfläche, der im Dezember in Süddeutschland an einem durchschnittlichen Tag eine nutzbare Energie im einstelligen Kilowattstundenbereich produziert, steht einem Verbrauch gegenüber, der in derselben Größenordnung liegt, in vielen Wochen darüber. Eine einzelne Schlechtwetterwoche zieht den Speicher leer. Eine zweite Schlechtwetterwoche bringt den Turm in den Notbetrieb. Der Notbetrieb bedeutet abgeschaltete Kameras, reduzierte Detektion, eine Sicherheitslücke, die nicht im Datenblatt steht.
Dieser Mechanismus ist im Markt bekannt. Er wird gelöst durch drei unehrliche Strategien. Erstens durch das Verschweigen, indem der Anbieter mit Jahresertrag wirbt und im Dezember einen Servicewagen schickt, der die leere Batterie tauscht. Zweitens durch das Aufrüsten der Modulfläche auf Werte, die statisch und logistisch nicht mehr in einen mobilen Turm passen, die aber im Prospekt einen plausiblen Wintertag zeigen. Drittens durch das stille Hinzuschalten eines Generators, der nicht beworben, aber im Servicefall eingebaut wird.
Boswau + Knauer hat sich für eine vierte Strategie entschieden, die offen ist. Wir bauen den Turm von Anfang an als Hybrid. Wir legen die Solarmodule so aus, dass sie in der wärmeren Jahreshälfte den Großteil der Energie liefern und im Winter die Grundlast tragen. Wir bauen einen LiFePO4-Speicher ein, der für eine autarke Brücke von typischerweise drei bis fünf Tagen ausgelegt ist, je nach Klimaregion und Lastprofil. Und wir integrieren ein wettergeschütztes Genset, das im Winterhalbjahr in regelmäßigen, planbaren Zyklen den Speicher nachlädt.
Diese Architektur kostet im Einkauf mehr als ein reiner Solar-Turm. Sie kostet im Betrieb weniger, weil sie nicht ausfällt. Sie ist der Stand der Technik, wenn die Sicherheit, die der Turm liefern soll, tatsächlich am Standort ankommen muss. Im Kapitel acht des Bandes BOSWAU + KNAUER, Vom Bau zur Sicherheitstechnologie, ist diese Logik im Kontext der mobilen Videotürme dokumentiert.
LiFePO4 als Speicher, nicht als Versprechen
Lithium-Eisenphosphat-Akkus haben sich in den letzten Jahren zum Standard für stationäre und mobile Speicheranwendungen entwickelt, in denen Sicherheit, Zyklenfestigkeit und Temperaturverhalten zählen. Sie sind den klassischen Lithium-Nickel-Mangan-Cobalt-Zellen in der Brandsicherheit überlegen, was bei einem Speicher, der in einem unbeaufsichtigten Turm auf einer Baustelle steht, kein Detail ist. Die Brandschutzbewertungen, die Versicherer hier zugrunde legen, fallen für LiFePO4 deutlich freundlicher aus, eine Tendenz, die sich auch in den Hinweisen der einschlägigen Verbände wie GDV oder VdS niederschlägt.
Die ehrliche Seite dieser Speichertechnologie liegt im Temperaturverhalten. LiFePO4 entlädt sich auch bei niedrigen Temperaturen verlässlich, das Laden unter null Grad Celsius ist aber ohne Vorheizung schädlich für die Zellen. Wer den Speicher im Winter verlässlich nachladen will, muss das Batteriegehäuse beheizen. Diese Heizung kostet Energie. Sie ist Teil der Lastbilanz und wird in unseren Auslegungen explizit ausgewiesen.
Die Dimensionierung des Speichers ist eine Entscheidung mit Konsequenzen. Ein zu kleiner Speicher führt zu häufigem Genset-Lauf, hohem Kraftstoffverbrauch und kurzen Wartungsintervallen. Ein zu großer Speicher führt zu hohem Gewicht, hoher Investition und einer Statik, die den mobilen Charakter des Turms gefährdet. Wir legen den Speicher so aus, dass er in der wärmeren Jahreshälfte die nächtliche Versorgung des Turms vollständig trägt und im Winter eine Pufferung von mehreren Tagen bietet, bevor das Genset anspringt. Diese Auslegung ist nicht standardisierbar über alle Standorte hinweg. Sie ist standortbezogen, und sie ist Bestandteil des Audits, das wir vor jeder Installation durchführen.
Das Genset als ehrliche Rückfallebene
Der Verbrennungsgenerator ist im Sicherheitsmarketing der ungeliebte Teil der Architektur. Er ist laut, er verbraucht Kraftstoff, er emittiert. Er ist aber im Winterbetrieb in deutschen Klimabedingungen die einzige Komponente, die garantiert, dass der Turm auch nach einer Woche mit dichter Wolkendecke noch sendet.
Wir setzen Gensets ein, die in den Turm integriert sind, schallgedämpft, mit Anschluss an den zentralen Tank des Turms, und die in planbaren Intervallen anspringen, nicht zufällig. Die Steuerlogik orientiert sich am Ladezustand des Speichers und an der Wettervorhersage. Ein guter Hybridcontroller schaltet das Genset nicht erst dann ein, wenn der Speicher leer ist, sondern wenn die Prognose der nächsten zweiundsiebzig Stunden zeigt, dass die Solarladung nicht ausreichen wird. Diese vorausschauende Logik reduziert die Laufzeit des Generators erheblich gegenüber einer reinen Schwellwertsteuerung.
Der Kraftstoffverbrauch ist überschaubar. Ein typisches Genset in dieser Klasse benötigt im Winterbetrieb in Deutschland einen Tank, der je nach Auslegung zwischen zwei und sechs Wochen Autarkie bietet, bei einer Servicefrequenz, die mit den ohnehin vorgesehenen Standortbesuchen koppelbar ist. Die TÜV-Anforderungen an Aufstellung, Abgasführung und Schallschutz sind bekannt und planbar. Die Versicherbarkeit ist gegeben, wenn die Installation den einschlägigen Vorgaben folgt.
Wer diese Architektur ablehnt, weil sie nicht zur grünen Erzählung passt, baut entweder eine Anlage, die im Winter ausfällt, oder eine Anlage, die unter der Hand mit einem Generator nachgerüstet wird, der niemandem gezeigt wird. Wir bevorzugen die offene Variante.
Was bleibt
Die Marketinglüge ist nicht der Anspruch, dass Solar in Deutschland funktioniert. Solar funktioniert in Deutschland, in der Jahresbilanz, an stationären Anlagen, bei vernünftiger Auslegung. Die Marketinglüge ist die Übertragung dieser Jahresbilanz auf einen mobilen Videoturm, der seine Leistung tagesaktuell und unterbrechungsfrei am Standort liefern muss, im Dezember, im Januar, in einer Woche mit drei Tagen Dauerregen.
Wer mobile Überwachung im DACH-Winter ernst nimmt, kalkuliert mit der Dezemberwoche, nicht mit der Jahressumme. Er baut Solar als Beitrag, Speicher als Brücke und Generator als Rückfallebene. Er weist alle drei Komponenten im Angebot aus. Er dokumentiert die Lastbilanz auf Wochenebene. Er gibt dem Betreiber die Werkzeuge, die Versorgungssicherheit selbst zu prüfen.
Für Betreiber, die ihre eigene Sicherheitsenergie auf den Prüfstand stellen wollen, gibt es zwei sinnvolle nächste Schritte. Wer eine Einschätzung sucht, ohne sich zu binden, nutzt das vertrauliche Gespräch über sechzig Minuten, in dem die konkreten Standortbedingungen und die bisherigen Erfahrungen mit Solar- oder Hybrid-Türmen besprochen werden. Wer schon im Betrieb Energieprobleme erlebt hat und eine systematische Analyse will, geht in das Audit über drei bis fünf Tage. Es liefert eine standortbezogene Energiebilanz, eine Bewertung der eingesetzten Komponenten und einen schriftlichen Bericht, der unabhängig vom weiteren Vorgehen verwertbar bleibt.
Häufige Fragen
Funktionieren Solarpaneele im deutschen Winter überhaupt?
Solarpaneele liefern auch im deutschen Winter Energie, allerdings auf einem Niveau, das deutlich unter dem Sommerwert liegt. Die globale Horizontalstrahlung im Dezember beträgt in Deutschland je nach Region zwischen rund einer halben und einer Kilowattstunde pro Quadratmeter und Tag. Nach Systemverlusten, Verschmutzung und ungünstigen Anstellwinkeln bleibt eine nutzbare Energie, die für stationäre Anlagen in der Jahresbilanz sinnvoll ist, für einen mobilen Videoturm aber nicht ausreicht, um den Tagesverbrauch über mehrere Schlechtwettertage zu decken. Eine reine Solarversorgung ist im Winter nicht verlässlich.
Wie hoch ist der tatsächliche Stromertrag eines Solarpaneels im Dezember in Deutschland?
Ein Quadratmeter Modul liefert in München im Dezember an einem durchschnittlichen Tag eine nutzbare elektrische Energie in der Größenordnung von rund einer Kilowattstunde, mit erheblicher Bandbreite nach oben und unten. In Norddeutschland liegen die Werte tendenziell darunter. An Tagen mit dichter Wolkendecke, die im Dezember die Regel sind, sinkt der Ertrag auf einen Bruchteil. Die Jahressumme erreicht in Deutschland Größenordnungen von etwa eintausend Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Diese Jahressumme ist für mobile Sicherheitsanwendungen aber nicht der relevante Maßstab.
Welche Energieversorgung brauchen mobile Videotürme im Winterbetrieb?
Verlässlicher Winterbetrieb erfordert eine Hybridarchitektur aus drei Komponenten. Erstens Solarmodule mit ausreichender Fläche, die in der wärmeren Jahreshälfte den Großteil der Energie liefern. Zweitens ein LiFePO4-Speicher, der eine autarke Brücke von mehreren Tagen bietet und im Gehäuse beheizt ist, damit das Laden unter null Grad Celsius nicht die Zellen schädigt. Drittens ein wettergeschütztes Genset als planbare Rückfallebene, gesteuert über einen Hybridcontroller, der Wettervorhersage und Ladezustand einbezieht. Reine Solarkonfigurationen scheitern im DACH-Winter regelmäßig.
Wie viel Strom verbraucht ein Videoturm mit KI-Analyse pro Tag?
Ein Videoturm mit vier bis sechs Kameras, Edge-basierter KI-Analyse, Mobilfunkanbindung, Infrarotscheinwerfern und beheizten Gehäusen verbraucht im Winterbetrieb in Deutschland realistisch zwischen drei und sechs Kilowattstunden pro Tag, in Frostperioden mit hohem Heizbedarf auch darüber. Im Sommer liegt der Wert deutlich niedriger, häufig bei ein bis zwei Kilowattstunden, weil die Gehäuseheizungen kaum laufen. Die Differenz zwischen Sommer- und Winterverbrauch wird in vielen Datenblättern verschwiegen. Sie ist aber die zentrale Größe für die ehrliche Auslegung der Energieversorgung.

Über den Autor
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) ist Gründungspartner von Tactical Management. Er erwirbt und restrukturiert Industrieunternehmen in anspruchsvollen Marktumfeldern und schreibt über Kapital, Geopolitik und technologische Transformation. raphaelnagel.com
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