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Videoturm im Tunnelbau: Tageslichtmangel, Staub und reale Sensorik
Faser- und Wärmebildkameras, Staubschutz, Lichtarchitektur. Was ein Turm im Tunnelbau leisten muss.

Dr. Raphael Nagel
13. Mai 2025

Ein Videoturm, der im Tunnelbau funktionieren soll, ist kein Videoturm im klassischen Sinn, sondern eine andere Maschine in derselben Hülle.
Die übliche Architektur eines mobilen Turms ist auf offene Flächen ausgelegt. Sie rechnet mit Tageslicht als Grundbeleuchtung, mit Witterung als Hauptbelastung, mit Wind als dominanter mechanischer Last. Im Tunnel verschiebt sich jede dieser Annahmen. Tageslicht entfällt vollständig, die Belastung kommt nicht aus Wind, sondern aus Schwebstoffen, und die Hauptaufgabe der Sensorik ist nicht die Identifikation eines Eindringlings auf hundert Metern, sondern die Erkennung eines Vorgangs in einer Umgebung, in der das menschliche Auge bereits versagt hätte. Wer einen Standardturm in einen Tunnel rollt, betreibt ein System außerhalb seiner Spezifikation. Er sieht das im Datenblatt nicht. Er sieht es im Bild nach drei Wochen.
BOSWAU + KNAUER bearbeitet diese Frage aus der Position des Herstellers. Der Tunnelbau ist eine der wenigen Anwendungen, in denen sich entscheidet, ob ein Sicherheitsturm tatsächlich für reale Bedingungen entwickelt wurde oder ob er für eine bereinigte Vorstellung von Baustelle konstruiert ist. Die folgenden Abschnitte beschreiben, was eine tunneltaugliche Plattform leisten muss und an welchen Stellen sich die Spreu vom Weizen trennt.
Warum Tunnelbau eine eigene Klasse von Bedingungen ist
Tunnelbau ist nicht einfach Bau unter Tag. Er ist eine Umgebung mit eigenen physikalischen Gesetzen, die in der Oberflächenkalkulation nicht auftauchen. Die Luft trägt Staub in Konzentrationen, die in Außenbereichen nicht vorkommen. Die Feuchtigkeit ist über Wochen konstant hoch, mit Niederschlag aus Tropfwasser, der nicht der Witterung folgt, sondern der Geologie. Die Beleuchtung ist gepulst, gerichtet und ungleichmäßig, weil sie aus mobilen Quellen kommt, die mit dem Vortrieb wandern. Die akustische Signatur ist von Maschinen dominiert, deren Pegel ein normales Mikrofon innerhalb von Minuten in die Sättigung treibt.
Hinzu kommt die geometrische Besonderheit. Ein Tunnel ist ein langer, schmaler Raum mit reflektierenden Wänden, in dem Licht und Schall sich anders ausbreiten als im offenen Gelände. Eine Kamera, die im Freien einen Bildwinkel von neunzig Grad sinnvoll ausnutzt, sieht im Tunnel auf zwei Drittel ihres Bildkreises die Tunnelwand. Sie liefert Information, die für die Sicherheitsanalyse irrelevant ist, und verfehlt gleichzeitig die Tiefe, in der die relevanten Vorgänge stattfinden. Wer das nicht in der Optik berücksichtigt, baut ein System, das viel sieht und wenig erkennt.
Die regulatorische Lage ist die dritte Besonderheit. Tunnelbaustellen unterliegen einer Aufsichtsdichte, die in der Oberflächenkalkulation nicht vorkommt. Die BG BAU formuliert für Untertagebau eigene Anforderungen an Sicht, Kommunikation und Rettung. Bauherren, in der Regel öffentliche Auftraggeber, hinterlegen in ihren Verträgen Auflagen zur permanenten Dokumentation. Versicherer kalkulieren Tunnelprojekte mit eigenen Klauseln, weil die Schadenshöhen im Schadensfall überproportional sind. Ein Stillstand im Tunnel ist nicht ein verlorener Tag, sondern eine Verschiebung des gesamten Vortriebsplans mit Folgekosten, die in keinem Tagessatz abgebildet werden. Sicherheitstechnologie in dieser Umgebung ist deshalb nicht nur eine Frage der Überwachung. Sie ist Bestandteil der Projektkalkulation und Gegenstand der Abnahme.
Diese Bedingungen zusammen ergeben eine Klasse von Anforderungen, die mit der typischen Baustellensicherheit so wenig zu tun haben wie ein U-Boot mit einem Segelboot. Beide schwimmen. Darüber hinaus endet die Vergleichbarkeit.
Faserbasierte Kamerasysteme und ihre Grenzen
Im Tunnelbau hat die optische Kamera mit Faserkopplung eine Position, die in keiner anderen Anwendung in dieser Form gerechtfertigt ist. Die Faseroptik erlaubt, das Bildsensorik-Modul vom eigentlichen Optikkopf zu trennen. Der Kopf sitzt dort, wo das Bild entsteht, an einem Ort, der Staub, Vibration, Temperatur und mechanische Belastung trägt. Der Sensor sitzt geschützt im Innern des Turms, mit eigener Klimatisierung, mit eigener Stromversorgung, mit eigener Wartungslogik. Die Verbindung erfolgt über Glasfaser, die elektromagnetisch unempfindlich ist und Längen von mehreren Dutzend Metern ohne Signalverlust überbrückt.
Diese Architektur hat im Tunnel mehrere Vorteile. Sie erlaubt, den Optikkopf an Positionen zu setzen, die für ein vollständiges Kameragehäuse zu eng oder zu belastet wären, etwa in unmittelbarer Nähe der Vortriebsmaschine oder im Bereich der Bewetterung. Sie reduziert die Ausfallwahrscheinlichkeit der eigentlichen Elektronik, weil diese nicht in der Belastungszone steht. Sie erleichtert die Wartung, weil ein verschmutzter oder beschädigter Kopf in Minuten getauscht werden kann, ohne dass die Konfiguration der Sensorik neu aufgesetzt werden muss.
Die Grenzen liegen in der Faser selbst. Glasfaser ist empfindlich gegen Knick, gegen Zugbelastung und gegen Verunreinigung der Stirnflächen. Wer eine Faserstrecke im Tunnel verlegt, muss eine Schutzführung mitplanen, die diese Belastungen abfängt. Wer den Schutz spart, hat innerhalb weniger Tage einen Signalabfall, der nicht von der Optik kommt, sondern von der Übertragung. Hinzu kommt die Frage der Lichtstärke. Eine faseroptisch gekoppelte Kamera hat in der Regel eine geringere Lichtempfindlichkeit als ein direkt verbauter Sensor, weil zwei zusätzliche Glasflächen und ein Längenverlust dazwischen stehen. Das ist auf der Oberfläche bei Tageslicht unkritisch. Im Tunnel, in dem ohnehin Lichtmangel herrscht, wird es zu einer dimensionierenden Größe.
Hersteller, die Faseroptik im Tunnel ernst nehmen, gehen deshalb in zwei Richtungen gleichzeitig. Sie wählen Optiken mit hoher Lichtstärke, sie kombinieren die Faserkamera mit einer Beleuchtung, deren Spektrum auf die Empfindlichkeit des Sensors abgestimmt ist, und sie bauen eine zweite Sensorebene auf, die nicht auf sichtbares Licht angewiesen ist. Diese zweite Ebene ist in der Regel ein Wärmebildsystem. Faserbasiert ist es selten, weil die thermische Optik andere Anforderungen an die Übertragung stellt. Hier sitzt der Sensor direkt am Kopf, in einem Gehäuse, das Staub und Feuchte aushält und das in Wartungsintervallen geprüft wird, die im Servicevertrag verbindlich hinterlegt sind.
Wärmebild als zweite Wahrnehmungsebene
Wärmebildsensorik ist im Tunnel nicht eine Ergänzung, sondern eine Voraussetzung. Sie erkennt, was die optische Kamera in Staubschwaden und Lichtwechseln nicht erkennt. Sie macht Personen sichtbar, die in der Streuung der Beleuchtung verschwinden. Sie erkennt heißlaufende Lager, die ein optisches Bild erst zeigen würden, wenn der Brand schon begonnen hat. Sie liefert in der Vortriebsphase Hinweise auf Hohlräume hinter der Auskleidung, die durch Temperaturdifferenzen erkennbar werden.
Die Anforderung an die Sensorik ist hoch. Eine Wärmebildkamera für den Tunnelbau muss eine Auflösung haben, die in dreißig Meter Entfernung noch eine Person als zusammenhängende Wärmesignatur erkennt. Sie muss eine Bildrate liefern, die schnelle Bewegungen ohne Verschmieren abbildet. Sie muss in einem Temperaturbereich kalibriert sein, der die Eigenwärme der Maschinen, die Umgebungswärme des Gesteins und die Körperwärme eines Menschen sauber unterscheidet. Standardgeräte aus dem Gebäudethermografiebereich erfüllen diese Anforderungen nicht. Sie sind für ruhige Szenen und gleichmäßige Temperaturen ausgelegt. Im Tunnel mit Vortrieb ist nichts ruhig und nichts gleichmäßig.
In der Software entscheidet sich der zweite Teil der Wirksamkeit. Die Wärmebilddaten müssen mit den optischen Daten in einer gemeinsamen Analyse zusammengeführt werden. Eine Person, die im optischen Bild durch Staub verdeckt ist, im Wärmebild aber als klare Signatur erscheint, muss als Person erkannt werden. Eine Wärmesignatur ohne korrespondierende optische Information muss als Anomalie markiert werden, weil sie auf eine Quelle hindeutet, die das normale Personalmuster nicht erklärt. Diese Fusion ist die eigentliche Wertschöpfung. Ein System, das beide Sensoren liefert, sie aber getrennt auswertet, lässt den größten Teil des Nutzens auf der Straße liegen.
BOSWAU + KNAUER hat in der eigenen Plattform diese Fusion als Standardfunktion hinterlegt. Die Modelle, die der KI-gestützten Videoanalyse zugrunde liegen, sind auf den kombinierten Datenstrom trainiert, nicht auf zwei getrennte Kanäle. Diese Architektur ist im Buch BOSWAU + KNAUER, Vom Bau zur Sicherheitstechnologie als Grundsatzentscheidung beschrieben, weil sie weit über den Tunnel hinaus die Frage prägt, wie Mehrkanal-Sensorik wirtschaftlich nutzbar wird.
Staubschutz, der nicht im Prospekt steht
Staubschutz wird auf jedem Datenblatt mit einer IP-Klassifizierung angegeben. Die übliche Angabe für tunneltaugliche Systeme liegt bei IP65 oder IP66. Diese Werte beschreiben die Dichtigkeit gegen Strahlwasser und gegen Staubeintritt unter standardisierten Prüfbedingungen. Im Tunnelbau sind diese Bedingungen nicht ausreichend. Der Staub im Tunnel ist nicht der Staub im Prüflabor. Er ist feiner, er ist elektrostatisch geladen, er ist mit Tropfwasser durchsetzt, und er kommt nicht in einem definierten Strahl, sondern in einem permanenten Nebel, der sich über Wochen ablagert.
Ein wirksamer Staubschutz im Tunnel beginnt deshalb nicht beim Gehäuse, sondern bei der Luftführung. Geräte, die ihre Elektronik aktiv kühlen, ziehen Luft an. Wenn diese Luft ungefiltert in das Gerät eintritt, lagert sich Staub auf den Wärmetauschern ab, die Kühlleistung sinkt, die Innentemperatur steigt, die Lebensdauer der Komponenten verkürzt sich. Wer Tunnel ernst nimmt, arbeitet entweder mit geschlossenen Gehäusen ohne Luftaustausch, in denen die Wärme über Konvektion an die Wand abgeführt wird, oder mit aktiver Kühlung über einen Filterkreislauf, dessen Filter in definierten Intervallen getauscht werden. Beide Ansätze haben ihren Platz. Was nicht funktioniert, ist die offene Luftführung mit dem Argument, das Gehäuse sei ja dicht.
Der zweite Punkt ist die Optik. Eine Linse, die sauber bleibt, ist eine Linse, die sich nicht reinigen lässt, weil sie nicht verschmutzt. Im Tunnel ist das nicht erreichbar. Jede Optik verschmutzt, die Frage ist, in welcher Zeit und mit welchem Aufwand sie wieder klar wird. Hersteller arbeiten an dieser Stelle mit drei Mitteln. Erstens mit hydrophoben Beschichtungen, die Tropfwasser abperlen lassen und damit die Ablagerung von Feinstaub reduzieren. Zweitens mit Druckluftspülung, die in kurzen Intervallen Staub von der Optik bläst, bevor er sich festsetzt. Drittens mit Wischsystemen, die zyklisch über die Linse fahren und die im Servicefall einfach getauscht werden können. Alle drei Mittel sind keine Marketingoptionen, sondern Funktionen, die im Tunnelbau über die Bildqualität nach zwei Wochen entscheiden.
Der dritte Punkt ist die Verkabelung. Steckverbindungen, die im Außenbereich problemlos arbeiten, korrodieren im Tunnel innerhalb weniger Monate, weil der Staub mit Feuchte eine elektrolytische Brücke bildet. Tunneltaugliche Systeme arbeiten mit Steckern, die dichten und nicht nur abdecken, und sie sehen in der Wartungsroutine eine periodische Sichtprüfung dieser Verbindungen vor. Wer diese Wartung in den Servicevertrag aufnimmt, hat ein System, das hält. Wer sie auslässt, hat ein System, das in der dritten Wartung mehr kostet als in der ersten Anschaffung.
Lichtarchitektur, die mit dem Vortrieb wandert
Beleuchtung im Tunnel ist nicht die Beleuchtung des Sicherheitssystems. Sie ist die Beleuchtung des Vortriebs, die der Vortrieb braucht, um zu arbeiten. Das Sicherheitssystem muss in dieser bestehenden Lichtarchitektur funktionieren, ohne sie zu dominieren und ohne von ihr in die Sättigung getrieben zu werden. Wer das nicht versteht, plant eine Eigenbeleuchtung, die mit der Bauleitung kollidiert.
Die Lichtsituation im Tunnel hat drei Zonen. Die erste Zone ist der unmittelbare Vortriebsbereich, der mit hoher Lichtstärke beleuchtet ist, weil die Mannschaft dort arbeitet. Die zweite Zone ist der mittlere Tunnelbereich, in dem die Beleuchtung auf Wegsicherheit und Orientierung reduziert ist. Die dritte Zone ist der bereits ausgekleidete Bereich, der nur noch Notbeleuchtung trägt. Eine Sicherheitskamera, die auf einem Turm sitzt, sieht je nach Position in unterschiedliche Zonen. Sie muss in jeder dieser Zonen ein verwertbares Bild liefern, ohne dass die Kameraeinstellung von Hand nachgeführt wird.
Die Antwort darauf ist eine Optik mit hohem Dynamikumfang und eine Belichtungssteuerung, die kontextgesteuert arbeitet. Eine Kamera mit echtem Wide Dynamic Range, kombiniert mit einer Belichtungssteuerung, die nicht das ganze Bild ausgleicht, sondern Zonen separat behandelt, liefert in der gepulsten Tunnelbeleuchtung Bilder, die ein Standardsystem nicht erreicht. Hinzu kommt die Ergänzung durch Infrarotbeleuchtung, die das menschliche Auge nicht stört, aber dem Sensor zusätzliches Licht liefert. Diese Beleuchtung wird in den Turm integriert und wandert mit ihm. Sie ist nicht Teil der Tunnelbeleuchtung, sondern Teil der Sensorik.
Die Energieversorgung dieser Lichtarchitektur ist die letzte Frage. Ein Turm im Tunnel kann sich nicht über Solar versorgen. Er hängt am Netz oder am Notstrom des Vortriebs. Die Auslegung der Energieaufnahme muss diese Realität abbilden. Geräte, deren Stromverbrauch im Außenbetrieb akzeptabel ist, weil das Sonnenpaneel ihn deckt, sind im Tunnel ein Anschlussproblem. Wer Tunnelbau ernst nimmt, baut effizient, nicht großzügig.
Notfallübertragung und Verbindungssouveränität
Die letzte technische Frage ist die Übertragung. Im Tunnel funktioniert kein Mobilfunk in der Form, in der er an der Oberfläche funktioniert. Die übliche Übertragung über LTE oder 5G entfällt. Was bleibt, ist die kabelgebundene Anbindung an die Tunnel-IT und die funkgestützte Anbindung über das interne Funknetz, das im Tunnel meist als Leckkabel oder über verteilte Antennen ausgeführt ist.
Ein Videoturm, der im Tunnel sinnvoll arbeiten soll, muss in beiden Welten ansprechbar sein. Er muss einen Glasfaseranschluss haben, der ihn an die Tunnel-IT bindet, und er muss ein Funkmodul haben, das mit dem internen Funknetz spricht, wenn die Faserstrecke unterbrochen ist. Zusätzlich muss er lokal so viel Intelligenz halten, dass er bei vollständigem Verbindungsausfall weiter aufzeichnet, weiter analysiert und im Moment der Verbindungswiederherstellung die in der Lücke gesammelten Daten nachreicht. Diese Eigenschaft ist nicht Komfort, sondern Voraussetzung. Ein Vorfall in der Zeit der Verbindungslücke darf nicht verloren gehen.
Die Notfallübertragung ist die Spezialform dieser Anbindung. Sie greift, wenn ein definiertes Ereignis erkannt wird, das eine sofortige Reaktion verlangt. In diesem Fall verlässt das System den normalen Übertragungsweg und nutzt einen priorisierten Kanal, der für Sicherheitsereignisse reserviert ist. Dieser Kanal ist mit der Leitstelle und mit der Rettungsorganisation der Baustelle verbunden. Er funktioniert auch dann, wenn die normale Datenübertragung durch Last oder Störung beeinträchtigt ist. Die Auslegung dieses Notpfads ist Teil der Inbetriebnahme und wird in der Audit-Dokumentation gegen die Anforderungen des Bauherrn und der zuständigen Aufsicht geführt. BSI-Vorgaben für kritische Infrastruktur und die Anforderungen des GDV an verbindliche Meldepfade liefern hier Maßstäbe, die nicht verhandelbar sind.
Was bleibt
Ein Videoturm im Tunnelbau ist die ehrlichste Prüfung, die ein Sicherheitsturm bestehen kann. Er zwingt jede Komponente in eine Belastung, die im Außenbetrieb selten in dieser Dichte vorkommt. Wer in dieser Umgebung liefert, hat die Plattform in beiden Sensorebenen aufeinander abgestimmt, die Staub- und Lichtarchitektur durchdacht und die Übertragung gegen den Ausfall gesichert. Wer das nicht hat, fällt im Tunnel auf, nicht im Datenblatt.
Die wirtschaftliche Konsequenz ist klar. Ein Tunnelprojekt, das mit einem ungeeigneten Turm gesichert wird, hat keine günstige Sicherheit. Es hat eine Sicherheit, die im Schadensfall keine Daten liefert, im Versicherungsfall keine Nachweise erbringt und im Bauherrenverhältnis keine Akzeptanz findet. Die Investition in eine tunneltaugliche Plattform ist deshalb keine Frage des Komforts, sondern der Projektkalkulation. Sie steht auf derselben Linie wie die Bewetterung, die Beleuchtung und die Kommunikation.
Wer prüfen will, ob die eigene Tunnelsicherheit den hier beschriebenen Anforderungen genügt, geht den Weg II, das Audit. Drei bis fünf Tage vor Ort, ein definierter Lieferumfang, ein schriftlicher Bericht, der ohne weitere Beratung verwertbar ist. Im Bericht steht, was funktioniert, was nicht funktioniert und was im nächsten Schritt zu tun ist. Ohne Bindung an den nächsten Vertrag.
Häufige Fragen
Welche Kamera-Typen funktionieren im Tunnel?
Im Tunnel arbeiten zwei Sensorebenen parallel. Die erste ist eine optische Kamera mit hohem Dynamikumfang, vorzugsweise mit Faserkopplung, damit der Optikkopf nah am Geschehen sitzt und die Elektronik geschützt im Turm. Die zweite ist eine Wärmebildkamera mit ausreichender Auflösung und Bildrate, die Personen und Wärmequellen unabhängig von Lichtbedingungen erkennt. Beide Kanäle müssen in der Analyse zusammengeführt werden, nicht getrennt ausgewertet. Standardkameras aus dem Außenbereich oder aus der Gebäudethermografie erfüllen die Tunnelanforderungen in der Regel nicht und sollten nicht eingesetzt werden.
Wie wird der Staubschutz garantiert?
Staubschutz im Tunnel ist mehr als eine IP-Klassifizierung. Er beginnt bei einer Luftführung, die entweder ohne Luftaustausch arbeitet oder über eine Filterstrecke geführt wird, deren Filter in festen Intervallen getauscht werden. Die Optik wird mit hydrophoben Beschichtungen, Druckluftspülung oder Wischsystemen freigehalten. Steckverbindungen sind dichtend ausgeführt, nicht nur abgedeckt, und werden in der Wartungsroutine sichtgeprüft. Der Servicevertrag hinterlegt Intervalle, die zur tatsächlichen Staubbelastung passen, nicht zu Standardannahmen. Ohne diese Kombination ist auch ein IP66-Gehäuse nach wenigen Monaten nicht mehr in Spezifikation.
Welche Beleuchtung ist nötig?
Die Sicherheitsanlage darf die Vortriebsbeleuchtung nicht ersetzen oder dominieren. Sie ergänzt sie durch eine eigene Infrarotbeleuchtung, die in den Turm integriert ist und das menschliche Auge nicht stört. Die optische Kamera arbeitet mit einem Sensor hoher Lichtstärke und einer zonenbasierten Belichtungssteuerung, die mit der gepulsten Tunnelbeleuchtung umgehen kann. Die Wärmebildsensorik ist lichtunabhängig und liefert die zweite Ebene, wenn die optische Kamera durch Staub oder Lichtwechsel an ihre Grenzen kommt. Die Energieaufnahme der gesamten Beleuchtung wird in die Anschlussplanung der Baustelle aufgenommen, nicht nachträglich angemeldet.
Wie werden Notfälle übertragen?
Notfallübertragung im Tunnel arbeitet über einen priorisierten Kanal, der unabhängig von der normalen Datenübertragung läuft. Die physische Anbindung erfolgt über Glasfaser an die Tunnel-IT und ergänzend über das interne Funknetz, in der Regel Leckkabel oder verteilte Antennen. Das System hält genug lokale Intelligenz, um bei vollständigem Verbindungsausfall weiter aufzuzeichnen und zu analysieren, und reicht Daten nach, sobald die Verbindung wiederhergestellt ist. Der Notpfad ist mit Leitstelle und Rettungsorganisation der Baustelle verbunden und wird gegen die Anforderungen von Bauherr, BSI und Versicherer dokumentiert.

Über den Autor
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) ist Gründungspartner von Tactical Management. Er erwirbt und restrukturiert Industrieunternehmen in anspruchsvollen Marktumfeldern und schreibt über Kapital, Geopolitik und technologische Transformation. raphaelnagel.com
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